Via Alta Valle Maggia
Eine wilde, fast menschenleere Höhenroute hoch über dem Tessiner Valle Maggia. Steile Anstiege im Dutzend, eine Alpe, die einen bestens verköstigt, und ein Blockgrat, der richtig Spass macht.
Ganz allein hoch über dem Valle Maggia
Die Via Alta Vallemaggia ist eine der wildesten und einsamsten Höhenrouten des Tessins — eine mehrtägige Gratwanderung hoch über dem Valle Maggia, auf der man tagelang kaum einer Menschenseele begegnet. Von Cimetta (Seilbahn ab Locarno) zieht sie sich über einen endlosen Wechsel aus steilen Anstiegen und Querungen; die Wege sind schmal und manchmal wirklich sehr steil, dafür ist das Panorama grandios.
Die Schlüsselstelle ist der Blockgrat vor dem Madom da Sgiof, offiziell T5−: ein paar Kraxelstellen, Ketten und gute Tritte nehmen ihr aber den grössten Schrecken, und wirklich ausgesetzt ist sie nicht — macht dafür sehr viel Spass. Übernachtet wird auf den Alphütten oder im Zelt. Die Selbstversorgerhütte der Alpe Masnée verkauft günstiges, deftiges Essen (Spaghetti, Sauce, Thunfisch, Kaffee), und auch die schön gelegene Alpe Cuasca im alten Tessiner Steinhaus-Stil lohnt sich.
Tipp: Wasser ist das grosse Thema — zwischen den Quellen liegen lange trockene Abschnitte, also grosszügig auffüllen. Ganze Mahlzeiten muss man dagegen nicht schleppen, die Alphütten verköstigen einen bestens. Und im Abstieg Zeit für die türkisen Gumpen oberhalb von La Valle einplanen: ein Badeplatz erster Güte.
Wie es bei mir war
Tag 1
Es geht los von Cimetta. Mit 2 Liter Wasser und vielen Snacks im Gepäck geht’s los, heute stehen die ersten zwei Etappen der Via Alta Vallemaggia auf dem Plan. In Zürich und Locarno sind heute 30 Grad, und hier ist es auch heiss, aber es weht auch eine frische Brise und ab und zu zieht eine Wolke vorbei, was den Aufstieg enorm erleichtert.
Bzw. die Aufstiege (meine Garmin sagt es sind 22 insgesamt). Die Wege sind schmal und steil, manchmal wirklich sehr steil. Aber es lohnt sich: die Landschaft ist wunderschön und das Panorama grandios. Auf dem Weg zum Madom entdecken wir eine tote Schlange (Greifvogel?).
Es geht weiter mit tollen Querungen und ein paar Kraxelstellen. Auf dem Mött di Pegor gibt’s Mittag, und weiter zum Refugio Alpe Masnée, wo wir so um sechs Uhr abends müde und sehr durstig ankommen (es gibt nirgendwo Wasser auf dem Weg). Aber hier gibt es Wasser und auch reichlich Essen – wir haben zwar unser eigenes dabei, aber man braucht eigentlich nichts mitnehmen. Die Selbstversorgerhütte hat sehr günstig Spaghetti, Tomatensauce, Thunfisch, Kaffee + Bialetti usw.
Wir finden jedenfalls einen wunderschönen Zeltplatz oberhalb der Hütte. Merlin entdeckt einen Zaunkönig, der lauthals trällert, und auch eine Gemse zeigt sich, während sich der Himmel langsam rosa färbt – geht’s besser?
Ach ja, die Schlüsselstelle. Vor dem Madom da Sgiof geht’s über einen Blockgrat mit einigen Kraxelstellen, offiziell T5−. Und vielleicht stimmt das auch, auch wenn ich schon T4 gegangen bin, was sich schwieriger angefühlt hat. Ketten und Tritte helfen enorm und wirklich ausgesetzt ist es nicht. Macht aber sehr viel Spass!
Tag 2
Trotz wunderschönen Sonnenaufgangs war der Start eher bescheiden. Ich habe ziemlich schlecht geschlafen (die Höhe? Die Beine? Der massive Tau an der Zeltwand? Der Vollmond?) und dementsprechend schlechte Laune und wenig Energie.
Eigentlich wollten wir heute die dritte Etappe laufen und dann absteigen, aber entschliessen uns schon bei der Alpe Cuasca abzusteigen. Übrigens, die Alpe ist auch eine Selbstversorgerhütte (4–6 Personen haben auf dem Dachboden sicher Platz), und wunderschön gelegen und im alten Tessiner Steinhaus-Style. Und hier gibt’s auch Essen, hierhin könnte man sicher wiederkommen.
Bis hierher haben wir ca. 3,5 h gebraucht, viel länger als die Wegzeit (die ist ein bisschen unrealistisch, ausser man rennt wirklich durch das stufige Gelände). Es gibt noch ein paar Schneefelder, aber alles kein Problem.
Jedenfalls gehen wir hier Richtung Tal und Richtung Giumaglio. Was für eine gute Entscheidung, eine halbe Stunde später zischt uns eine Kreuzotter böse an, während sie langsam auf die niedrigen Zweige eines Buschs klettert, die haben wir wohl beim Sonnen gestört.
Apropos Sonne, es ist wirklich heiss hier. Gut finden wir oberhalb von La Valle wunderschöne Gumpen, wo wir Pause machen und ein ausgiebiges eiskaltes Bad nehmen (Olli nur so halb) und uns auf den Felsen ausstrecken, bis wir trocken sind – so guet!! Die Laune geht auf 100. Hier ist es wirklich wild, wir sind seit gestern früh niemandem mehr begegnet und dieser Fluss fliesst und höhlt ganz nach Belieben und kreiert diese wunderschönen, mit türkisem Wasser gefüllten Becken.
Schade, dass es noch lange geht bis ins Tal, es wäre so ein schöner Tagesausflug zu den Gumpen.
Weiter bergab nach Giumaglio, durch Buchen- und Esskastanienwälder, wo wir an alten verfallenen Tessiner Steinhäusern vorbeikommen. Was ist hier passiert? Wikipedia sagt, Leute sind nach Kalifornien ausgewandert in den 50ern (ob sie da wohl glücklicher waren als in dem wilden Tal?).
Nachmittags kommen wir müde, sonnengebräunt und glücklich im Tal an. Was für eine schöne Tour :)